Expertenrunde von Prof. Liselotte Schebek
06. September 2011, Darmstadt
„Wie viel Umwelt kosten Lebensmittel? Und können Umweltsiegel Transparenz herstellen?“
Am 06. September 2011 traf sich die Community-Runde um NZF-Beirätin Frau Prof. Liselotte Schebek (TU Darmstadt, Industrielle Stoffkreisläufe, KIT), um zu diskutieren, wie Lebensmittelkennzeichnungen gestaltet sein müssen, um Konsumenten zu mündigen Verbrauchern zu machen. Der Einladung nach Darmstadt folgten Frau Prof. Dr. Birgit Grahl (Industrielle Ökologie, Heidekamp), Frau Dr. Katharina Plassmann (Johann Heinrich von Thünen – Institut für Agrarrelevante Klimaforschung), Herr Dr. Niels Jungbluth (ESU-services, Uster, Schweiz) und Herr Dr. von Koerber (TU München, Lehrstuhl für Wirtschaftslehre des Landbaues, Arbeitsgruppe Nachhaltige Ernährung).
Die fünf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiten in verschiedenen Forschungsgebieten. Dies ermöglichte einen interdisziplinären Blick auf das Thema. Im Zentrum stand dabei die Frage nach der Verantwortung, die der Wissenschaft bei der Lösung des Problems zukommt.
Consumer Confusion entsteht zum einem durch den steigenden Wissensbedarf über Ernährung und Lebensmittel seitens der Konsumenten und zum anderen durch die Reaktion der Lebensmittelindustrie mit immer detaillierteren Produktinformationen. Dieses Zusammenspiel führt zu einer Informationsflut, die zusehends die Aufnahmefähigkeit der Verbraucher übersteigt. Dabei steht das Wissen auf der einen, Informationsbereitstellung auf der anderen Seite und dazu die Aufgabe der Wissenschaft, dass zukünftig Labels (wieder) als Orientierung für den Verbraucher dienen. Dazu wurden verschiedene Fragestellungen diskutiert.
Die Herstellung von Lebensmitteln hat Auswirkungen auf die Umwelt. Aber was wissen wir überhaupt über die Umweltauswirkungen der Ernährung?
Umweltauswirkungen der Ernährung wurden bereits in vielen Studien untersucht. Birgit Grahl gab eine ausführliche Darstellung, welche Umweltaspekte in der Kette von der landwirtschaftlichen Erzeugung bis zum Konsumenten relevant sind. Sie legte einen besonderen Schwerpunkt auf die Bewertung der Umweltauswirkungen durch die (Über-) Nutzung von Ökosystemen. Dies betrifft vor allem die Landwirtschaft: „Die Ressource „Gesunder Boden“ wird ein ganz knappes Gut werden“, erklärte Grahl. Sowohl für Treibhausgasbilanzen von Böden als auch für weitere ökosystemare Wirkungen fehlt z.T. noch das wissenschaftliche Grundverständnis. Niels Jungbluth fügt an, dass „die Ernährung im Hinblick auf Umweltauswirkungen der wichtigste Konsumbereich aus Sicht der privaten Verbraucher ist“. Nach seiner Ansicht sind aus Sicht der Verbraucher vor allem generelle Entscheidungen, wie z.B. eine Reduktion des Konsums von Fleisch und tierischen Produkten relevant. Einzelentscheidungen zwischen z.B. zwei Arten von Joghurt sind hingegen in der Regel nicht so wichtig. „Bei mindestens 15% der Treibhausgas-Emissionen eines deutschen Durchschnittsbürgers, die aus der Ernährung resultieren, wird die Wichtigkeit der Umweltauswirkungen von Ernährung deutlich“, ergänzte Plassmann.
Wie können komplexe Sachverhalte über Umweltauswirkungen der Ernährung für den Verbraucher transparent auf-gearbeitet werden?
Die Ökobilanz (Life Cycle Assessment) bildet eine adäquate Methode für die Analyse von komplexen Systemen und die Darstellung von Umweltauswirkungen von Produkten. Darin sind sich alle Anwesenden einig. Diskutiert wurde weiterhin, inwieweit Ökobilanzen nur der Analyse, d.h. dem wissenschaftlichen Verständnis von Systemen dienen oder selbst zur Entscheidungsfindung beitragen. „Die Rolle der Ökobilanz müsste daher im Hinblick auf den Unterschied zwischen (Natur-) Wissenschaft und pragmatischem Ansatz (die Ökobilanz als Instrument zur Entscheidungsunterstützung) betrachtet werden“, so Grahl. Um Entscheidungen zu treffen, so Liselotte Schebek, müssen über die wissenschaftlich abgesicherten Erkenntnisse hinaus auch Annahmen und Bewertungen eingehen. „Annahmen, Analysen und Bewertung einer Ökobilanz müssen transparent ausgewiesen werden, damit die Ergebnisse nachvollziehbar sind“, so Schebek.
Die verbreitete Erwartung der Öffentlichkeit, dass „die Wissenschaft“ eine gesellschaftliche Entscheidungsfrage eindeutig beantwortet, ist daher per se falsch und nicht mit dem Charakter der Wissenschaft vereinbar. Vielmehr müssen zum Treffen von Entscheidungen zusätzlich zu den von der Wissenschaft bereitgestellten Informationen auch Annahmen und Bewertungen auf Basis von gesellschaftlichen Präferenzen kommen. Ist es wichtiger, die Emission von Klimagasen zu senken, oder die Beanspruchung von Land zu verringern, was die soziale Dimension der Ernährung betrifft? Hierzu stellt Karl von Koerber fest: „Innerhalb der großen Komplexität des Ernährungssystems gibt es in manchen Bereichen auch Zielkonflikte zwischen ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Aspekten. Das Ziel der (Natur-) Wissenschaft sollte sein, diese transparent zu machen und mögliche Korridore für eine Problemlösung und für Handlungsoptionen aufzuzeigen.“

Welche Informationen zu Umweltauswirkungen der Ernährung sind als Orientierung für den Verbraucher wichtig? Wie können diese Informationen transparent kommuniziert werden?
Ökobilanzen werden vor allem für vergleichende Untersuchungen eingesetzt, jedoch auf Basis unterschiedlicher Aspekte der Ernährung; eine bestimmte Art der Zubereitung, die Verpackung und vieles mehr. Aus der Kombination der Einzelaspekte entstehen daher sehr viele Varianten, die untersucht und in die Kennzeichnung einfließen können. Niels Jungbluth wies darauf hin, dass genau diese Vielzahl der Einzelentscheidungen charakteristisch für Nahrungsmittel sei: „Nahrungsmittel werden täglich, manchmal sogar mehrfach, gekauft, im Gegensatz zu „großen“ Konsumentscheidungen wie der Anschaffung eines Autos. In der Konsequenz sollte hier nicht der Anspruch gestellt werden, dass jede Einzelentscheidung perfekt sein muss, vielmehr geht es hier um allgemeine Leitlinien und generelle Regeln.“ Das heißt, das zentrale Anliegen muss es sein, Orientierung zu geben, wie z.B. dass der Konsum von Fleisch umweltschädlicher ist als der von Gemüse. Weiterhin wurde zur Informationsvermittlung von Erkenntnissen zur Ernährung und der Kommunikation der Medien festgestellt: „Von Wissenschaftlern und in den Medien wird oft die Ausnahme herausgestellt. Es wäre aber besser, sich auf das zu konzentrieren, was die mehrheitlich gültige Regel ist“, so Jungbluth. Liselotte Schebek stellte dazu fest, dass „die Kommunikation vor allem richtungssicher gestaltet werden muss.“ Dies bedeutet sowohl für Wissenschaft als auch für Unternehmen, ausschließlich wichtige und klare Erkenntnisse weiterzugeben, und sich auf generelle Verhaltensweisen statt auf Einzelaspekte zu konzentrieren. Herr Jungbluth schloss diesen Diskussionspunkt ab, in dem er anmerkt „manchmal erscheint es mir, dass das Marketing-Budget von Unternehmen oft höher ist als das Budget, was zur publizierenden Ergebniserlangung eingesetzt wird“.
Wie reagieren Verbraucher auf die Fülle von Umweltlabels/Kennzeichnungen für „ökologische“ Ernährung?
Innerhalb der Gruppe herrscht Einigkeit darüber, dass es bereits eine Fülle von Labels gibt, die den Konsumenten Informationen bereitstehen. Katharina Plassmann informiert darüber, dass die verschiedenen Initiativen von vorhandenen Labels unterschiedliche methodische Ansätze, Berechnungsgrundlagen und Bewertung zu Grunde legen. Niels Jungbluth ergänzt dies, indem er die Ansicht vertritt, dass der Handel gar nicht daran interessiert sei, gemeinsam ein Label anzustreben: „Jeder möchte mit dem eigenen Label sein Produkt von der Konkurrenz abheben.“
Die bereits existierenden Labels wurden unterschiedlich beurteilt: einige sind gut kontrolliert, gut einführt und bekannt bei den Verbrauchern, so z.B. das EU Bio Label und das Label „Fairer Handel“. Andere, speziell regionale Labels, wurden eher kritisch gesehen, da hier oft „unterschiedliche Ziele vermischt werden“, so Katharina Plassmann. Insgesamt wurde die Meinung vertreten, dass man Labels nicht als den einzigen Weg der Kommunikation mit dem Verbraucher sehen dürfe.
Insgesamt kristallisierte sich aus der Diskussion heraus, dass hinsichtlich Labels weniger mehr wäre: weniger, aber gut kontrollierte und eingeführte Labels und weniger Zahlen, die die Verbraucher nicht interpretieren können. Dafür sollten dem Verbraucher mehr Informationen für das Verständnis von Sachverhalten geboten werden, und dies beginnt eindeutig schon damit, dass in den Schulen ein solches Verständnis für Ernährung und auch deren Umweltauswirkungen vermittelt wird. Bei der „Bewusstseinsbildung können sich die Verbraucher selbst eine Meinung bilden, unabhängig von Labels“, so Karl von Koerber. Der Wissenschaftler erklärt weiter: „Diejenigen Verbraucher, die sich für die Gesamtheit der ökologischen, ökonomischen, sozialen und gesundheitlichen Dimensionen einer „nachhaltigen Ernährung“ interessieren, finden eher zu Handlungsansätzen, da viele Zusammenhänge in die gleiche Richtung weisen. Nämlich weniger tierische Produkte, mehr ökologische Lebensmittel, möglichst aus der Region und der Saison, bevorzugt gering verarbeitete Lebensmittel und Übersee-Importe aus fairem Handel.“
Umweltschutz und (eigener) Gesundheitsschutz
In der Öffentlichkeit und bei den Verbrauchern besteht ein hohes Interesse an einer „umweltfreundlichen“ Ernährung. Umweltschutz und Gesundheit werden von ihnen dabei oft als Einheit gesehen. Eine Abgrenzung falle den Verbrauchern oft schwer, so Jungbluth. Zudem seien die Ansprüche der Verbraucher gegenläufig. Frau Plassmann fasste dies sehr passend zusammen: „Die Konsumenten möchten einerseits frische Produkte, es soll aber auch schnell gehen, möglichst billig sein und gesund und ökologisch zugleich.“
