Renate Schmidt, Vorsitzende des Beirats des Nestlé Zukunftsforums, beim Symposium des NZF 2010.

„Einsam mampfen oder gemeinsam speisen?
Wir brauchen eine neue, soziale Kultur der Ernährung“


Beitrag von Renate Schmidt

06.09.2010



Vielleicht haben sich einige von Ihnen gefragt: „Spinnen die? Gibt es denn nichts Wichtigeres, als die Frage, ob wir gemeinsam oder allein essen, z.B. den Klimawandel, die Energie- und Gesundheitspolitik oder die noch nicht überwundene Finanzmarktkrise?“

Nein, die spinnen nicht. Es geht uns wie bei der Umwelt-, Energie- und Gesundheits- und deutlich mehr als bei der Finanzpolitik um unsere Lebensgrundlagen.

Es geht uns um Lebensmittel; um Mittel, um Leben zu können und ihre Wertschätzung. Uns? Wir wurden Ihnen gerade vorgestellt. Von unseren Fachrichtungen her sind wir nicht die typischen Ernährungswissenschaftler, sondern kommen angefangen von der Zukunftsforschung über die Anthropologie und Ernährungspsychologie, die Wirtschaft, die Konsumforschung, die Forschung über industrielle Stoffkreisläufe bis hin zum Sternekoch und Dozenten für Kulinaristik und die Politikerin.
Denn wir wollen nicht 200ste - leider häufig wirkungslose - Studie über unsere falsche Ernährung, also das „was wir essen“ verfassen, sondern die vielleicht erste über das „wie wir essen“. Denn das „wie“ ist genauso bedeutsam wie das „was“.

    Bedeutsam für den Zusammenhalt der Gesellschaft,
    bedeutsam für unsere Kultur,
    bedeutsam für unsere Gesundheit,
    bedeutsam für politische, gesellschaftliche und soziale Kosten.

Denn wie wir essen ist ein Spiegel der Gesellschaft.


Wie sieht es heute aus? Zuerst die positive Nachricht: Über 90 Prozent aller Menschen finden Essen und Trinken dann am Schönsten, wenn es gemeinsam stattfindet und 80 Prozent aller tun das auch mindestens einmal täglich.


Rennen wir mit unserem Thema also offene Türen ein? Nein, denn die Gruppen, die das selten oder nie tun, nehmen zu; so essen ältere Alleinlebende mehrheitlich alle Mahlzeiten alleine, und auch bei den jüngeren Alleinstehenden sind es immer noch 20 Prozent. Und in sozial schwachen Schichten liegt dieser Prozentsatz deutlich höher, sowohl bei den jüngeren und älteren Alleinstehenden, als auch in den Familien. Dort isst häufig jeder, wann er gerade Lust hat, das Essen wird zur Nebensache der Hauptsache Fernsehen oder Computerspiele. Dies deckt sich mit einer Untersuchung im Rahmen eines Modellprojekts in einem Problemgebiet einer norddeutschen Großstadt zu meiner Zeit als Familienministerin. Dort hatten 24 Prozent der Kinder noch nie ein gemeinsames Essen in der Familie erlebt und 10 Prozent der Kinder noch nie, dass zu Hause eine warme Mahlzeit zubereitet worden wäre, nicht einmal Spaghetti mit Tomatensoße. Diese Kinder wissen also nicht einmal, wie man Nudeln aus dem harten in den weichen Zustand versetzt.

Es gab im deutschen Fernsehen noch nie so viele Kochshows und gleichzeitig in Deutschland noch nie eine so geringe Kompetenz des Selber-Kochen-Könnens. Auch Berufstätige essen unregelmäßig, während des Tages häufig alleine, unter Zeitdruck und in einer nicht gemeinschaftsfördernden Atmosphäre. Und diese Trends werden sich verstärken, wenn ihnen nicht entgegengewirkt wird, denn die Zahl der Älteren nimmt genauso zu, wie die der Singles; die Mobilitäts- und Flexibilitätsanforderungen für Berufstätige steigen genauso wie der Zeitdruck in Senioren- und Pflegeheimen, wo nahezu alle Mahlzeiten schon heute von den meisten alleine zu sich genommen werden.


Natürlich ist Essen und Trinken an erster Stelle Privatsache. Aber als „Alt-68zigerin“ sei es mir gestattet, die noch ältere Wahrheit auch auf unser Thema zu projizieren: Das Private ist immer auch politisch, mit erheblichen gesellschaftlichen Wirkungen: Die Vereinsamung nimmt zu, Sozial- und Sprachkompetenzen von Kindern und Jugendlichen nehmen ab, weil das gemeinsame Tischgespräch entfällt.
Die Spaltung der Gesellschaft vertieft sich, weil gemeinsames Essen mit Familie und Freunden immer seltener Verluste an anderen Stellen ausgleicht, und weil Essgewohnheiten die Schichtzugehörigkeit verstärken. Der Gesundheitszustand der Bevölkerung verschlechtert sich auch durch das, wie wir essen und durch mangelnde Kompetenz mit Lebensmitteln umzugehen, Gutes von Schlechtem zu unterscheiden, schmecken und kochen zu können.

Aus all dem hat das Nesté-Zukunftsforum erste Handlungsfelder herauskristallisiert. Dabei haben wir uns an folgenden Fragen orientiert:

    Wie kann Bewusstsein für das „wie“ des Essens und Trinkens geschaffen...
    Wie können Kompetenzen erhöht...
    Welche Anreize können geboten...
    Welche Rahmenbedingungen müssen geschaffen.
...werden?

Dabei war es uns wichtig, konkrete Adressaten zu benennen, die Möglichkeiten haben, Veränderungen zu gestalten und machbare Schritte vorzuschlagen. Denn wir wissen, dass die Umsetzung von wissenschaftlichen Erkenntnissen nur so gelingen kann. Denn 40 Jahre Ernährungsaufklärung ohne grundlegende Verhaltensänderungen zeigen auch: Wissen alleine bewirkt wenig.

Vor diesem Hintergrund schlagen wir folgendes vor, wissend, dass dies keine fertigen Rezepte sind, sondern Puzzleteilchen über die eine breite gesellschaftliche Diskussion notwendig ist.

    1. Das NZF fordert auf, neue Orte zu schaffen, an denen auch außerhalb von Familien gemeinsam gegessen, aber auch gekocht wird.

    Solche Orte können die bereits vorhandenen Mehrgenerationenhäuser sein, die vom Familienministerium mit einem einschlägigen Modellversuch unterstützt werden sollten, es können Verabredungen übers Internet stattfinden, unterstützt von Medien, Restaurantbesitzern und Unternehmen. Neue Clubs für Mütter mit Kleinkindern, für Berufstätige mit hohen Mobilitätsanforderungen und andere Gleichgesinnte sollten unterstützt von Gastronomen und Caterern entstehen.
    2. Das NZF fordert dazu auf, die Vereinbarkeit von Arbeiten und Leben (Work-Life- Balance) um das Essen und Trinken zu erweitern (Work-Life-Food-Balance) und durch die Entwicklung von haushaltsnahen Dienstleistungen und Produkten besser zu ermöglichen.
    Vorstellbar ist: Einkaufen per Bestellung während der Arbeitszeit, Einkauf der Zutaten nach benannten Rezepten, frische, vorbereitete Lebensmittel statt Fertiggerichten und Tiefkühlkost. Adressaten dieser Forderung sind die Lebensmittelhersteller, deshalb natürlich auch die Nestlé AG, die Gewerkschaften und Betriebsräte, Wohlfahrtsorganisationen und NGO`s.
    3. Das NZF schlägt vor, Informationskampagnen und öffentlichkeitswirksame Maßnahmen, z.B. einen Wettbewerb „Geschmacks-PISA“ zu starten und darüber gemeinschaftliches Essen und Kochkompetenzen zu stärken.
    Vorstellbar sind gemeinsames Frühstücken in Schulen, Mitmachmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen in Kitas, Horten und Ferienangeboten, Erweitern von Lehrplänen um Geschmacksbildung, Koch- und Hauswirtschaftsunterricht, ein Modellprojekt der zuständigen Bundesministerien mit den Tafeln um die Lebensmittelausgabe mit Kochen lernen und Ernährungsbildung zu verbinden und ein Forschungsprojekt, das die Wissenslücken, welche Rolle (gemeinschaftliches) Essen und Trinken als soziale Funktion bei Alleinlebenden und –erziehenden und bei Migranten und Migrantinnen spielt.
    4. Das NZF fordert, dass Einrichtungen der Gemeinschaftsverpflegung zu Orten werden, an denen nicht nur das was gegessen wird wichtig ist, sondern auch das „wie“, Orte, an denen die Atmosphäre stimmt.
    Adressaten dieser Forderung sind Unternehmen und Gewerkschaften, die Kantinen zu Orten der Geschmacksbildung und Gemeinschaftsförderung machen können und Kantinen in diesem Sinn auszeichnen können.

    Es sind die Bildungsminister/innen der Länder, die in Kitas und Ganztagsschulen den Wert genussvoller Gemeinschaftsverpflegung und das Wissen darüber stärken können. Es sind die Wohlfahrtsorganisationen, die ältere Menschen in Seniorenheimen nach ihren Möglichkeiten an der Essenszubereitung beteiligen sollten.
    Und es sind nicht zuletzt die Sozialminister/innen der Länder, die dafür sorgen müssen, dass knappe Pflegeschlüssel nicht gemeinschaftliches Essen, und wo nötig, Füttern, unmöglich machen.

Das Nestlé-Zukunfts-Forum glaubt nicht, durch gemeinschaftliches Essen und Trinken, durch Kochen und Schmecken können die Welt zu verändern.

Aber diese Themen sind mehr als Nischen-Themen.

Auf die Frage, was für sie die „Quelle des Glücks“ ist, nennt die erdrückende Mehrheit der Bevölkerung körperliches Wohlbefinden, Gesundheit, gute Freunde, eine glückliche Ehe oder Partnerschaft, ein erfülltes Familienleben an den ganz oberen Stellen. Alle diese „Quellen des Glücks“ haben nicht nur, aber auch etwas mit Gemeinschaft, auch mit gemeinschaftlichem Essen und Trinken zu tun. Und nicht nur das: Ein jüngst erschienenes Buch von Prof. Wrangham mit dem Titel „Feuer fangen. Wie uns das Kochen zum Menschen machte – eine neue Theorie der menschlichen Evolution“ sagt kurz gefasst: Durch das Kochen und gemeinschaftliche Essen ist der Mensch klug geworden. Dies habe uns zum Beherrscher der Erde gemacht. Dadurch seien wir zu modernen Menschen geworden. Im Umkehrschluss könnte man sagen, nicht kleine Teile der Menschheit sind wieder auf dem Weg zurück. Dies wäre natürlich etwas zu einfach, aber dass es sich lohnt, sich einer solchen Entwicklung zu widersetzten, davon ist das Nesté-Zukunftsforum überzeugt.
 



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