Erstes NZF-Symposium: Experten fordern neue, soziale Esskultur.

Auf dem ersten Symposium des Nestlé Zukunftsforum am 6. September 2010 in Berlin lautete die Frage des Abends: Bricht unsere Gesellschaft am Esstisch auseinander? In der voll besetzten Kalkscheune diskutierten Experten vor rund 150 Gästen aus Politik, Wirtschaft und Medien die Erkenntnisse und Empfehlungen, die der NFZ-Beirat in den vergangenen Monaten erarbeitet hatte. Renate Schmidt zeichnete in ihrem Eröffnungsstatement ein Bild unserer aktuellen Ernährungskultur:

Man isst also die Pizza, die man sich vom Lieferdienst hat bringen lassen während man im Fernsehen die Kochshow von Herrn Lafer schaut - und das nennen wir dann Kochkompetenz!?
Dass wir endlich wieder betrachten müssen, „wie“ wir essen, und Lebensmitteln und der Zubereitung von Mahlzeiten wieder mehr Stellenwert in unserem Alltag einräumen müssen - darüber waren sich alle einig. Denn Essen ist ein Spiegel der Gesellschaft – und damit auch ein Hebel zu Veränderung. Gerhard Berssenbrügge:
Wir wollen hier keine Koteletts zählen oder Diäten verordnen. Unser Ansporn ist ein anderer: Dass die Menschen ihr Essen wieder wertschätzen.
Denn wenn die gemeinsam zubereitete und verzehrte Mahlzeit als Ort des sozialen Austauschs und des Miteinanders weiter ihre Rolle verliert, hat dies auch Konsequenzen für die Familien, für soziale Netzwerke und ihren Zusammenhalt.

Wenn der gemeinsame soziale Austausch nicht noch stärker an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden soll, müssen wir Orte schaffen, die „Social Food“ fördern - nämlich Essen in sozialen Netzwerken, in Gemeinschaft!
Gemeinschaftsverpflegung im Fokus – Kantinen-Initiative geplant

Sehr lebhaft diskutierten die Podiumsteilnehmer den Kern der 4. Handlungsempfehlung des NZF-Beirats: Orte der Gemeinschaftsverpflegung – Kindergärten, Schulen, Betriebskantinen und Pflegeheime – müssen zu Orten werden, an denen man nicht nur satt wird, sondern sich auch gerne mit anderen aufhält. Diskussionsteilnehmer Franz-Josef Möllenberg, Vorsitzender der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), hob die Bedeutung von Betriebskantinen hervor:
10 Millionen Deutsche essen täglich in Betriebskantinen. Die Betriebskantine kann auch ein Ort für Kreativität sein, aber pflegt vor allem die Kultur des Miteinanders in Unternehmen.
Gerhard Berssenbrügge ergänzte aus Sicht des Unternehmensvorstandes:
Unternehmen müssen endlich erkennen, dass Betriebskantinen mehr sind als nur ein Ort reiner Verpflegung, sondern vielmehr die Teambildung fördern können.

Unter Applaus der Anwesenden vereinbarten NGG und Nestlé im Ergebnis dieses Austauschs eine gemeinsame Initiative, mit der die Bedeutung des gemeinsamen Essen herausgestellt wird und in der Folge auch Kantinenessen lieber wahrgenommen wird.
Esskultur in Kitas und Schulen entwickeln
Neben Betriebskantinen wurde auch die Bedeutung der Schulmensa als Ort der Ernährungsbildung und des sozialen Zusammenhalts hervorgehoben. Ulrike Höfken, MdB und Stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz:
Fangen wir bei den Kindern mit einer neuen Esskultur und guter Infrastruktur für die Kindergarten- und Schulernährung an.

Sternekoch und Beiratsmitglied Johann Lafer bekräftigte dieses Ziel: Man müsse gemeinsam Mahlzeiten in der Familie oder Schule zubereiten, um damit das gemeinsame Kochen mit Kindern so früh wie möglich zu fördern. Das könne man später gar nicht mehr aufholen.
Wir müssen an die Ursachen ran. Wir haben lange vernachlässigt, dass Kinder sich nicht mit
Lebensmitteln befassen.
Bei einem leckeren Abendbrot tauschten sich Teilnehmer und Gäste im Anschluss an die Podiumsdiskussion lebhaft über das Gesagte aus. Das Zukunftsforum sei ein guter Anfang; Maßnahmen müssen nun in die Breite getragen werden – über Modellprojekte hinaus -, damit sie auch nachhaltig sind; ein mutiger Schritt für ein Unternehmen wie Nestlé; man müsse die, die etwas verändern können, auch tatsächlich mit den Forderungen konfrontieren – und zwar konsequent … so einige Meinungsblitzlichter aus der Menge.
Gerhard Berssenbrügge abschließend:
Unser Anspruch ist es, eine neue, soziale Kultur der Ernährung anzustoßen. Gerade deshalb ist die Arbeit des NZF so wichtig. Unsere Arbeit hat erst begonnen.
