Studierende im Dilemma: Zwischen Eigenverantwortung und Überregulierung

Gunter Hirschfelder, Beiratsmitglied des Nestlé Zukunftsforums, mit seinen Gästen bei der NZF-Expertenrunde

Expertenrunde mit Gunther Hirschfelder
27. Juni 2011


Starkes Misstrauen gegenüber der Strategie von Lebensmittelproduzenten und Medien

Am 27. Juni widmete sich NZF-Beiratsmitglied Gunther Hirschfelder gemeinsam mit Studierenden der „Vergleichenden Kulturwissenschaft“ an der Universität Regensburg den Thema „Consumer Confusion“. Die Gruppe diskutierte die durch NZF-Beirat aufgestellte These zur „Consumer Confusion“: Angesichts der steigenden Informationsflut zum Thema Ernährung seien Verbraucher zunehmend verunsichert und diese Verunsicherung, was „richtig“ oder „falsch“ ist, wirke sich erheblich auf das Essverhalten aus.

Im Fokus der Debatte stand daher auch die Frage, wie sich Verbraucher Durchblick im Lebensmittel-Informationsdschungel verschaffen könnten, aber auch, welche Rolle Medien, Industrie und Politik zur Herstellung von Transparenz inne haben.

 

Zuviel des Guten…

Nicht nur gesund sollen Lebensmittel sein, sondern auch mit ethischen und moralischen Grundsätzen vereinbar – darin bestand bei den Studenten in Gunther Hirschfelders Diskussionsrunde Einigkeit.
Schwieriger ist die Frage, woher Verbraucher die notwendigen Informationen erhalten, um sie auf diesen Anspruch zu prüfen. Heutzutage gebe sich jeder als Experte für Ernährungsfragen aus, so die Studenten. Angesichts dessen herrsche ein großes Maß an Unsicherheit, wer wirkliches Expertenwissen über Nahrung habe. „Man könnte sich natürlich vielmehr erkundigen, aber es sind einfach so viele Informationen. Man weiß nicht mehr, wo man im Großen und Ganzen steht“, kommentierte Gerda M. die Situation.

Detailwissen ist in der Konsumwelt beinahe nicht mehr möglich: Angesichts der Flut verschiedener Meinungen lassen sich Informationen immer schwerer interpretieren. Es fehlt zugleich an Zeit oder die Lust, sich ausführlich mit dem Thema Ernährung auseinanderzusetzen. Dieser Umstand fördert in großem Maße die Abhängigkeit der Konsumenten von externen Informationen. Mehr Detailinformationen wünschte sich Matthias D. dennoch nicht: „Ich stell mich nicht eine dreiviertel Stunde in den Supermarkt und lese alles durch, was da auf den Produkten draufsteht.“

Für Karin L. war das eine Frage der Priorität: „Ich glaube, dass heute in Deutschland jeder die Entscheidungsfreiheit hat. Menschen entscheiden sich bewusst, ob ihnen Preisersparnis oder zum Beispiel ökologische Komponenten wichtiger sind. Es hat damit zu tun, Prioritäten zu setzen für was man bereit ist, sein verdientes Geld auszugeben.“

Zugleich mangelt es vielen Teilnehmern der Runde an Transparenz: Selbst Verbraucher, die mehr zu Produkten und Produktionsvorgänge wissen möchten, sind kaum in der Lage, diese Prozesse zu durchschauen. Bei einem Großteil der Studenten tragen unklare Werbe-, Medien- und Verpackungsstrategien, Unkenntnis über die Inhaltsstoffe und Produktionsprozesse erheblich zur Consumer Confusion und damit zum Misstrauen gegenüber industriell erzeugter Ware bei.

 

… oder von allem noch mehr?

Die Diskussion offenbarte, wie stark die Vorstellungen der Studierenden in Hinblick auf die Notwendigkeit der Regulierung des Lebensmittelmarktes auseinandergehen:
So bestand bei einem Teil der Gruppe der Wunsch nach mehr Informationsvielfalt, Transparenz, medialer Aufklärung und Eigenverantwortlichkeit. Hierfür müssen Grundlagen für eine eigenständige Wissensbeschaffung und Plattformen für Verbraucherkritik geschaffen werden. „Es müsste alles durchsichtiger werden. Es gilt Fragen zu beantworten, wie: Was ist das überhaupt für ein Angebot, was wir da kriegen?“, so Carl N. Wichtig sei es jedoch, in die Diskussion alle gesellschaftlichen Schichten und alle Altersklassen zu integrieren. Schnellere und kürzere Informationsbeschaffungswege und einfach zu verwendende Medien sind hierfür elementar.

Der andere Teil der Gruppe forderte hingegen stärkere Kontrollen durch unabhängige Institutionen. Neben einer Vereinheitlichung der Lebensmittelstandards und -kontrollen in der EU müsse aus Sicht der Studierenden vor allem der Verbraucherschutz gestärkt werden. Orientierung im Misstrauen gegenüber industriellen Produktionsweisen, medialen Werbestrukturen und Kontrollinstanzen geben aus Sicht der Studierenden vor allem von Politik und Wirtschaftslobby unabhängige Intuitionen.

Zudem komme Medien als unabhängige Instanz eine besondere Rolle in der Wahrnehmung von Lebensmittelsicherheit und -qualität zu: Hyperinszenierung und „Falsch-Informationen“ hätten in der Vergangenheit zu einer tiefen Verunsicherung und Markenablehnung geführt. „Ich wünsche mir von den Medien eine Berichterstattung, die nicht auf Skandalen, sondern mehr auf Aufklärung basiert“, forderte Anja B.

Die Debatte zeigte deutlich, dass die Idealvorstellungen der Studierenden erheblich von ihrem realen Ess- und Informationsverhalten abweichen. Dem Wunsch, Verantwortung für die eigene Ernährung zu übernehmen, steht die Forderung nach mehr Regulierung und korrigierenden Institutionen gegenüber.

 

Lösungsansätze: Vom unmündigen zum mündigen Verbraucher

Auf dem Weg zum mündigen Verbraucher sind Politik und Bildungsinstitutionen genauso gefragt wie Konsumenten, betonten die Diskutanten. Durch möglichst früh einsetzende pädagogische Konzepte kann die Kritikfähigkeit von Konsumenten gesteigert werden: Vor allem junge Menschen sollen zu mehr Eigenverantwortung und bewussten Entscheidungen erzogen werden. So wünschte sich beispielsweise Anja S. mehr Informationen an Schulen und eine frühe Sensibilisierung für kritische Themen.

Die Forderung der Studierenden in Richtung Industrie waren eindeutig: Nahrungsmittel-produzenten sollten mehr Transparenz hinsichtlich ihrer Produktionsverfahren und -mittel schaffen. Auch im Hinblick auf Werbestrategien und Entscheidungszusammenhänge sei mehr Offenheit notwendig. Letztendlich ist die gesamte Wirtschaft gefragt, eine Wirtschafts- und Werbeethik zu leben.
Bei allen Anwesenden wurde der Wunsch nach mehr Vertrauen in die Lebensmittelindustrie laut. Für den Aufbau von Vertrauen ist aus Sicht der Studenten der Dialog zwischen Produzenten und Konsumenten grundlegend: „Ich würde mir adäquate Kanäle wünschen zwischen Industrie und Verbraucher und ich sehe da noch nicht wirklich einen Kanal. Ich wünsch mir mehr Dialog, so dass es zu einer Rückkopplung und einer Demokratisierung der Nahrungswelt und des Nahrungsbedarfs kommt.“ (Birgit B.)

 

Fazit: Die Verunsicherung bei Studenten sitzt tief
Zum Abschluss der Diskussion fasste Gunther Hirschfelder seine Wahrnehmung der Debatte zusammen: „Was mich erstaunt ist der Informationsbedarf und die große Verunsicherung der Studierenden. Sie sehen sich alle in einem Dilemma, dass sie nicht wissen, was sie essen und trinken sollen. Gleichzeitig bin ich erstaunt darüber, dass sie durchaus Verantwortung abgeben wollen.“

 



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