Familien müssen Ernährungs- und Kochkompetenz vermitteln

Johann Lafer, Beiratsmitglied des Nestlé Zukunftsforums, mit seinen Gästen bei der NZF-Expertenrunde

Expertenrunde mit Johann Lafer
29. Juni 2011



In gemeinsamer Runde kochen, frische Produkte verarbeiten, reden und am großen Tisch in Ruhe essen – dass das Esskultur ausmacht, darin waren sich alle 13 Teilnehmer der Expertenrunde von NZF-Beirat Johann Lafer einig. Gleichzeitig zeigte die Diskussion rund um das Thema "Consumer Confusion" am 29. Juni 2011 aber auch, dass es in weiten Teilen der Gesellschaft an Zeit, Wissen oder Kreativität fehlt, um sich gesund und ausgewogen zu ernähren.

 

Johann Lafer, Beiratsmitglied des Nestlé Zukunftsforums, mit seinen Gästen bei der NZF-Expertenrunde

Neben der Vermittlung von Esskultur in Kindergärten und Schulen bildet die familiäre Ess-Sozialisation einen Grundpfeiler der ausgewogenen Ernährung.

Bei Expertenrunde von Johann Lafer, die im Rahmen seines Sommer-Kochkurses in Guldental stattfand, trafen sich 13 Kochfans aus Deutschland, der Schweiz, Niederlande und Luxemburg. Die bunte Runde diskutierte gemeinsam mit Johann Lafer während des Kochens insbesondere die Frage, welche Rolle Bildungseinrichtungen übernehmen, um die Ernährungs- und Kochkompetenz zu steigern und damit insbesondere Kinder zu mündigen Verbrauchern zu erziehen.

 

Vertrauen als wichtigste Orientierungshilfe

Vertrauen in Produkte, deren Herkunft und Verarbeitung spielen eine elementare Rolle beim Einkauf – das steht bei den Anwesenden sofort außer Frage. Das Wissen darüber, was in Produkten steckt, woher sie kommen und wie sie verarbeitet wurden, gibt den Kochschülern Orientierung im Informationsdschungel. Von Convenience-Produkten nehmen die meisten wenn möglich Abstand und versuchen stattdessen, so oft wie möglich selber mit naturbelassenen Zutaten zu kochen. Dennoch: "Es ist nicht nur das eine oder andere. Am Ende gilt es, die richtige Mischung aus Convenience-Produkten und dem Selberkochen von Grundnahrungsmitteln zu finden", resümiert Johann Lafer. Dass sich die Diskutanten überdurchschnittlich intensiv mit einer bewussten Ernährung, Inhaltsstoffen, Zubereitungsmethoden auseinandersetzen, wird im Verlauf der Diskussion schnell deutlich.

Johann Lafer, Beiratsmitglied im Nestlé Zukunftsforum, mit seinen Gästen bei der NZF-ExpertenrundeNichtsdestotrotz – selbst bei einem Kochprofi lässt sich Orientierungslosigkeit im Supermarkt mitunter nicht vermeiden: "Die Angebotsvielfalt in den Supermärkten ist irre: Ich musste neulich für einen Kindergeburtstag Chips kaufen. Da stand ich plötzlich im Supermarkt vor einem sechs Meter langen Regal voller Tüten. Da ich mich mit Chips einfach gar nicht auskenne, waren das einzige, an dem ich mich orientieren konnte, Marken", beschrieb Johann Lafer seine Erfahrungen.

Der kritische Blick auf vermeintliche Orientierungshilfen bleibt, wie Waltraud S. unterstreicht: "Mich verwirren die ganzen Siegel nur. Heute ist doch alles ‚neu', ‚gesünder' oder ‚besser'. Ein paar weniger Siegel und Kennzeichnungen würden mein Vertrauen steigern."

Hier sehen die Diskutanten vor allem Medien und unabhängige Organisationen noch stärker in der Pflicht, den Verbraucher über Produktschwindel und Täuschungen zum Beispiel im Internet zu informieren.

 

Fehlende Strukturen im Alltag

Im Rahmen der Diskussion darüber, was im Einkaufwagen landet, findet sich schnell ein Konsens in der Runde: "Produkte allein reichen nicht aus. Wichtig ist zu wissen: Was mache ich daraus?" (Heike O.). Diese Kompetenz fehlt insbesondere bei jungen Menschen und Arbeitstätigen immer häufiger, konstatiert Johann Lafer.

Neben dem fehlenden Wissen scheint es deutschen Verbrauchern oft an der Zeit zum Kochen zu mangeln. Aus Sicht von Daniela hätten zwar viele die Zeit, würden sie sich aber nicht nehmen: "Was es daher eigentlich zu lernen gilt, ist Planung und Vorbereitung." Und Mut – ergänzt Heike O.: "Man muss vielen Menschen nur die Angst nehmen. Wochenessenpläne mit Rezepten geben hier Struktur. Darin kann auch mal Curry-Wurst oder Pizza stehen. Aber eben auch Ideen, wie sich frische Produkte aus dem Supermarkt zusammen mit unterstützenden Produkten gesund und kreativ verarbeiten lassen."

Bildung gibt Orientierung und reduziert Überforderung

Da Kochen immer seltener Bestandteil der häuslichen Erziehung von Kindern ist, sind hier insbesondere Bildungseinrichtungen gefragt. Im Rahmen des "Unterrichts" gilt es, Kinder an das Schmecken und Riechen heranzuführen, sie kompetent im Umgang mit Lebensmitteln zu machen und Rituale als Grundlage für ausgewogene Ernährung zu etablieren.

"Das elementar Wichtigste an Schulen ist es, neben klassischen Bildunginhalten Ernährungskompetenz zu vermitteln", fordert Johann Lafer. Heike geht noch einen Schritt weiter: "Essen muss nicht neben Bildung vermittelt werden, sondern Essen ist Bildung. Um bewusst mit Produkten umzugehen, muss man einkaufen lernen, in der Lage sein Prozesse aufzusetzen, Inhaltsangaben verstehen können und kreativ sein."

Johann Lafer, Beiratsmitglied im Nestlé Zukunftsforum, mit seinen Gästen bei der NZF-ExpertenrundeDer Magdeburger Hans-Jürgen N. fügt noch eine Idee hinzu: "Bei uns war früher das Fach Schulgarten ein fester Bestandteil im Stundenplan, das damals genauso wichtig war wie andere Fächer." Gerade im Fach Schulgarten würden die Kinder verstehen lernen, wie Produkte "von der Wurzel auf" wachsen und damit wertschätzen lernen, welche Mühe hinter der Herstellung von Lebensmittel stecke.

Insbesondere Teilnehmer mit schulpflichtigen Kindern betonen in diesem Zusammenhang, dass beim verkürzten Abitur kaum mehr Zeit bleibe, Ernährung als Schulfach in die Stundenpläne aufzunehmen. Eine Alternative könnten Koch-AGs sein. Deren Ansehen hält sich jedoch aus Erfahrung von Johann Lafer in Grenzen: "Meine Tochter hat an ihrer Schule in einer Koch-AG angefangen. Am Anfang des Jahres waren darin 15 Schüler, am Ende nur noch 3." Im Vergleich zu anderen Kursen, sei Kochen einfach zu langweilig und nicht "cool" genug für viele Kinder, so Lafer.

Um Kindern Ernährung jedoch möglichst früh als zentralen Bestandteil einer gesunden Lebensweise nahezubringen, beginnt die Ernährungsbildung im besten Fall jedoch bereits bei Kindergartenkindern. "Hier muss das vermittelt werden, was Eltern ihren Kindern immer seltener beibringen. Im Kindergarten kann die Hinführung zum Thema am besten durchgeführt werden, da ist noch Zeit", fasst Johann Lafer den Diskussionspunkt zusammen.

 

Soziale Bindungen fördern die Vermittlung von Esskultur

Alle 13 Teilnehmer stimmen darin überein, dass Eltern und Großeltern mit ihrer Erziehung die Grundlage dafür schaffen, wie aufgeschlossen Kinder dem Thema Ernährung gegenübertreten. Sie führen ihre Sprösslinge an unterschiedliche Lebensmittel heran, ermuntern sie, zu kosten und sind Vorbild bei der Zubereitung von Speisen.

"Essen ist nicht reinstopfen, sondern Kultur – diese Esskultur muss bereits kleinen Kindern vermittelt werden. Da ist vor allem die Erziehung der Kinder zu Hause gefragt", fordert Hans-Jürgen N. "Ich bereite mit meinen Enkeln das Essen wenn es geht immer gemeinsam zu, lasse sie probieren und anfassen."

Anderseits dürften Eltern bei ihren Kindern aber auch nicht an der Realität "vorbei erziehen", betont Daniela U.: "Bonbons und Eis gehören für Kinder dazu und sollten nicht verboten werden. Am Ende gilt es, die richtige Balance zu halten." Der reine Entzug sei eher konterproduktiv. Stattdessen gelt es, Kindern dabei zu helfen, bewusste Entscheidungen im Supermarkt zu treffen – auch mal für etwas Süßes.

In Zeiten, in denen berufstätige Eltern spät nach Hause kommen und das gemeinsame Essen sich öfter auf Frühstück und Abendbrot beschränkt, gewinnt insbesondere der generationsübergreifende Erfahrungsaustausch zwischen Großeltern und Enkelkindern immer mehr an Bedeutung. Sie spielen bei der Vermittlung des Stellenwerts von Ernährung eine wichtige Rolle, so die Runde. Basisprodukte verarbeiten, Einwecken oder Kochen – von ihnen könne man auch heute noch viel lernen. Gleichzeitig vermitteln sie Wissen und Erfahrungen, geben Vertrauen und schaffen Verbindlichkeit – Aspekte, die für die Erziehung von Kindern zu "mündigen Verbrauchern" grundlegend sind.

Gerade in Großstädten wären "Küchenpatenschaften" aus Sicht von Heike O. eine Möglichkeit, Kinder von der Erfahrung von Senioren profitieren zu lassen: "Wenn die Eltern arbeiten und die Großeltern woanders leben, können Senioren Kindern das Thema Ernährung und Kochen nahebringen – und damit die Esskultur weitergeben. Ich sehe das als so eine Art Generationenvertrag."

Fazit: Appell an Politik und Familien

Bevor es am Ende des gemeinsamen Koch-Tages an die Zubereitung des Desserts geht, formuliert Johann Lafer stellvertretend für die Runde einen Apell an die Politik: "Ich glaube, dass in Zukunft öffentliche Einrichtungen, wie Schulen, Kindergärten aber auch Privatschulen eine Art Erziehungsfunktion übernehmen und Dinge weitergeben müssen, die im Elternhaus versäumt wurden. Geschmacksunterricht, Kochunterricht aber auch Lebenserziehung als übergeordnetes Fach sollten ein Teil der Zukunft unserer Gesellschaft sein. Wenn beide Eltern arbeiten, müssen sie bestimmte Dinge in der Erziehung weglassen. Dieses Defizit müssen öffentliche Einrichtungen ausgleichen."

Gleichzeitig gelte es, dass sich Familien stärker für eine soziale Esskultur und die Vermittlung von Werten und Erfahrungen einsetzen, fordert die Runde. Man dürfe das Engagement nicht nur auf die Politik delegieren – letztendlich seien Eltern, Großeltern aber auch Freunde gefragt, das Thema Ernährung den Stellenwert im Alltag zu geben, den es verdient.

Experten-Runde von NZF-Beiratsmitglied Johann Lafer

 



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